Golf-Psychologie

Denk nicht an das Wasser: Warum Vermeidung das Gegenteil bewirkt

Ralf List am Abschlag, der Blick kurz zum Wasserhindernis im Hintergrund abgelenkt

Ich hab mal einen Platz gespielt, auf dem das achte Loch fast komplett von Wasser umgeben war. Der Pro im Klubhaus hatte mich vorher gewarnt: „Denk einfach nicht ans Wasser." Ich hab's ernst genommen. Ich stand am Abschlag und dachte konzentriert an alles andere. An die Fahne. An den Wind. Und immer wieder, kurz, an das Wasser, das ich gerade versuchte, nicht zu denken.

Der Ball landete im Wasser.

Ich hab lange geglaubt, das war einfach ein schlechter Schwung. Bis ich gelernt habe, dass genau das ein benanntes, gut untersuchtes Phänomen ist. Der Psychologe Daniel Wegner hat es 1987 in einem einfachen Experiment gezeigt. Versuchspersonen sollten fünf Minuten lang laut aussprechen, was ihnen durch den Kopf geht, mit einer einzigen Vorgabe: nicht an einen weißen Eisbären zu denken. Kam trotzdem einer, sollten sie eine Glocke läuten. Die Glocken läuteten im Schnitt öfter als einmal pro Minute.

Wegner nannte das später die Theorie der ironischen Prozesse. Seine Erklärung: Damit der Kopf einen Gedanken erfolgreich unterdrücken kann, muss ein Teil von ihm ständig im Hintergrund prüfen, ob der Gedanke gerade auftaucht. Genau diese Prüfung ruft ihn wieder auf. Man entkommt einem Gedanken nicht dadurch, dass man ständig nach ihm Ausschau hält, um ihn zu vermeiden.

Andere Forscher haben das später direkt mit Golfern getestet, nicht mit Bären, sondern mit einem Putt. Eine Gruppe sollte einfach möglichst genau putten. Der anderen wurde gesagt, sie solle vor allem nicht über das Loch hinausschießen. Genau diese zweite Gruppe schoss danach häufiger übers Ziel hinaus als die erste. Die Vorgabe, etwas zu vermeiden, machte es wahrscheinlicher.

Genau das male ich in WATER HAZARD: den Moment, in dem der Versuch, nicht ans Wasser zu denken, das Wasser erst richtig präsent macht. Je mehr man es aus dem Kopf drängen will, desto lauter wird es. Der Golfer im Bild hat den Ball noch nicht verloren. Im Kopf ist er es vermutlich schon.

Elegant löse ich das für mich selbst nicht. Ich schau mir das Wasser inzwischen bewusst kurz an, bevor ich mich über den Ball beuge, fast wie eine kurze Begrüßung. Danach fällt es mir leichter, es wieder loszulassen, als wenn ich so tue, als wäre es gar nicht da.

Wer das Experiment nachlesen will: Ironic process theory bei Wikipedia. Und wer sehen will, wie sich dieser eine Gedanke anfühlt, der lauter wird, je mehr man ihn verdrängen will: WATER HAZARD.

— Ralf List

← Zurück zum Blog