Golf-Psychologie

Der erste Abschlag: Warum fremde Blicke mehr stressen als der Schwung selbst

Ralf List am ersten Abschlag, zwei wartende Golfer beobachten ihn im Hintergrund

Ich habe auf keinem einzigen Abschlag in meinem Leben so schlecht gespielt wie auf dem ersten. Nicht, weil der erste Schlag technisch schwerer wäre — er ist meistens sogar leichter, breite Fairways, kein Druck vom vorherigen Loch. Trotzdem zittert bei mir genau da die Hand am meisten.

Ich hab mir lange eingeredet, das läge am kalten Körper, noch nicht warmgeschlagen, unroutiniert. Stimmt vielleicht ein bisschen. Der eigentliche Grund ist aber banaler und unangenehmer zuzugeben: Auf dem ersten Abschlag steht fast immer jemand daneben. Zwei, drei Leute, die warten, bis sie selbst dran sind, und in der Zwischenzeit nichts Besseres zu tun haben, als mir beim Schwingen zuzusehen.

Das Verrückte daran: Diese Leute interessieren sich in Wahrheit kaum für meinen Schwung. Die meisten denken über ihren eigenen ersten Schlag nach, übers Mittagessen danach, über irgendwas. Aber mein Kopf tut so, als stünde ich auf einer Bühne mit Scheinwerfer drauf. Psychologen nennen das den Spotlight-Effekt — die Neigung, systematisch zu überschätzen, wie sehr andere einen tatsächlich beobachten und bewerten. Ich kenne den Begriff, ich hab drüber gelesen, und trotzdem hilft mir das im Moment selbst kein bisschen. Wissen schützt einen offenbar nicht vor dem eigenen Kopf.

Genau das steckt in THE FIRST TEE. Auf dem Bild steht wörtlich „EVERYONE IS WATCHING! DON'T SCREW THIS UP!" — nicht weil es stimmt, sondern weil es sich in diesem einen Moment so anfühlt, bevor der Schläger überhaupt zurückgeht. Der Ball auf dem Tee ist da fast schon Nebensache. Das eigentliche Bild ist der imaginierte Zuschauerraum im eigenen Kopf.

Ich hab mit der Zeit einen einzigen Trick gefunden, der bei mir manchmal funktioniert, selten immer: kurz hinschauen, wer da tatsächlich wartet. Fast nie schaut jemand wirklich her. Die meisten kramen in der Tasche, checken das Handy, reden übers Wetter. Das ändert nichts an der ersten Sekunde Panik, aber es verkürzt sie manchmal um ein paar Sekunden, und mehr braucht so ein Abschlag eigentlich nicht.

Wer tiefer reinlesen will, wie sehr wir uns selbst überschätzt beobachtet fühlen: The Spotlight Effect And Golf Anxiety ordnet das gut ein. Und wer sehen will, wie sich dieser imaginierte Blickekranz anfühlt, wenn man ihn malt statt beschreibt: THE FIRST TEE.

— Ralf List

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