Golf-Psychologie

Die Yips: Warum der Kopf plötzlich den Putt verliert

THE FINAL PUT — Gemälde aus MIND OF GOLF von Ralf List

Ich habe einen Putt aus einem Meter Entfernung schon mal drei Sekunden lang angeschaut, ohne zu wissen, wie ich ihn spielen soll. Die Linie war nicht schwierig. Sie war gerade, flach, ein Kind hätte ihn eingelocht. Aber als ich den Putter zurücknehmen wollte, machte meine Hand etwas anderes, als mein Kopf ihr gesagt hatte. Ein Zucken. Aus der geraden Linie wurde eine schiefe.

Golfer nennen das die Yips. Wer es nie erlebt hat, hält es meistens für eine Ausrede, ein Kopfding, das man sich einfach abtrainieren könnte, wenn man nur wollte. Ich hab lange selbst so gedacht. Bis es mir passiert ist. Dann merkt man, dass der Körper in diesem Moment ehrlicher ist als der eigene Wille es gern hätte.

Interessant ist, dass die Yips gar nicht so eindeutig erklärbar sind, wie ich dachte. Ein Teil davon wird in der Sportmedizin als eine Art fokale Dystonie beschrieben, eine Störung der Feinmotorik, bei der ausgerechnet die Bewegung versagt, die man am häufigsten und am kontrolliertesten wiederholt hat. Bei Musikern passiert das mit einzelnen Fingern. Bei Dartspielern beim Loslassen. Golfer trifft es beim Putt, wahrscheinlich weil kaum eine Bewegung im Sport so oft und unter so viel Beobachtung ausgeführt wird wie die.

Der Rest, glaube ich, sitzt tatsächlich im Kopf, aber anders als man denkt. Nicht als Angst allein, sondern als zu viel Aufmerksamkeit auf etwas, das eigentlich automatisch ablaufen sollte. Je öfter ein kurzer Putt danebengeht, desto mehr rutscht die Bewegung aus dem Automatismus ins Bewusstsein, und alles, was wir plötzlich bewusst steuern wollen, fängt an zu stolpern. Manche nennen das Choking, aber das trifft es für mich nicht ganz. Choking ist ein Ausrutscher unter Druck, einmalig, vorbei. Die Yips bleiben oft.

Ich male keine Golfszenen, das sag ich inzwischen fast zu oft. Ich male den Moment davor. Und die Yips sind vermutlich die reinste Form davon, die der Sport zu bieten hat, weil in diesem Moment der Kopf lauter wird als die Hand und ein geübter Handgriff plötzlich zum Verhandlungsgegenstand wird. THE FINAL PUT ist aus so einem Moment entstanden, nicht weil ich einen schönen Putt zeigen wollte, sondern weil ich versucht habe, diesen angehaltenen Atem festzuhalten, in dem noch nichts entschieden ist. Bei dem selbst zwei Meter plötzlich zu weit weg wirken. Der Ball im Bild ruht reglos da, ungefähr so, wie meine Hand kurz vor dem Zucken auch reglos wirkte, bevor sie es eben nicht mehr war.

Ich bin kein Sportpsychologe und werde hier keine Anleitung geben, die ich selbst nicht ernst nehmen würde. Was mir persönlich zeitweise geholfen hat: den Griff wechseln, die Routine umbauen, den Blick anders setzen. Es hat selten etwas geheilt, eher unterbrochen, und manchmal reicht das schon aus. Eine Bewegung so lange stören, bis der Kopf aufhört, sie zu belauern.

Weiterführend zur Forschung: „The Yips in Golf: A Continuum Between a Focal Dystonia and Choking", Sports Medicine (2003).

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