Golf-Psychologie

AimPoint und die Kunst, dem eigenen Gefühl zu misstrauen

Ralf List demonstriert die AimPoint-Methode auf dem Grün, Arm angewinkelt, zwei Finger zur Fahne ausgerichtet

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum ich auf dem Grün immer wieder dieselben Fehler mache. Nicht beim Schwung — der Putt selbst ist simpel genug, ein Kind könnte einen Putter halten. Das Problem sitzt vorher, in der einen Sekunde, in der ich mich hinstelle und entscheide, wohin der Ball rollen soll.

Ich habe jahrelang mit den Augen gelesen. Hinter dem Ball gehockt, die Kontur des Grüns studiert, mir eingebildet, ich sehe, wohin das Wasser fließen würde, wenn es regnet. Meistens hatte ich sogar recht. Nur eben nicht oft genug.

Dann kam AimPoint. Für alle, die es nicht kennen: Man stellt sich mit gegrätschten Beinen über die Linie zwischen Ball und Loch und fühlt, welcher Fuß tiefer steht. Das war's, im Kern. Kein Auge, kein Abschätzen, keine Kontur. Nur die eigenen Füße, die einem sagen, wohin die Fläche kippt.

Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: absurder Unsinn. Ein erwachsener Mensch, der mit gespreizten Beinen auf einer Wiese steht und Finger in die Luft hält, um angeblich genauer zu wissen, wohin ein Golfball rollt, als mit den eigenen Augen. Das sieht aus wie Wünschelrutengehen mit Handicap.

Ich hab's trotzdem probiert. Und was mich wirklich getroffen hat, war gar nicht, dass die Methode funktioniert — das tut sie, mehr oder weniger zuverlässig, Keegan Bradley kann ein Lied davon singen, der praktisch über Nacht vom schlechtesten Putter der Tour zu einem der besseren wurde, nachdem er umgestiegen ist. Was mich getroffen hat, war die Verschiebung selbst: Ich sollte aufhören, meinen Augen zu vertrauen, und stattdessen meinen Füßen vertrauen.

Das ist kein kleiner Unterschied. Meine Augen wollen immer eine Geschichte erzählen. Sie sehen die Fahne, das helle Grün dahinter, die Hoffnung, dass der Putt geradeaus reinrollt, weil ich es mir gerade so sehr wünsche. Meine Füße erzählen keine Geschichte. Die stehen einfach nur da und sagen: links ist tiefer. Fertig. Kein Wunschdenken, keine Angst, kein „diesmal wird's schon klappen".

Genau diesen Bruch male ich in MIND OF GOLF. THE FINAL PUT zeigt die Sekunde vor dem Putt: den Moment, in dem im Kopf längst entschieden ist, was passieren wird, obwohl noch gar nicht geschlagen wurde. AimPoint ist im Grunde der Versuch, das Gefühl, das sich einem in diesem Moment aufdrängt, durch einen zuverlässigeren Zeugen zu ersetzen. Nicht weniger Gefühl. Ein anderes Gefühl. Eines, das man sich nicht selbst einreden kann.

Ich putte deswegen ehrlich gesagt nicht besser als früher. Manchmal schlechter sogar, weil zwei Finger hochhalten und gleichzeitig konzentriert bleiben offenbar eine eigene Kunst ist, die ich noch nicht beherrsche. Aber ich vertraue der Linie anders. Und genau darum geht es in der ganzen Serie, wenn ich ehrlich bin: nicht um den Schlag. Um den Moment davor, in dem man sich entscheiden muss, welcher Stimme im eigenen Kopf man überhaupt glaubt.

Wer die Methode selbst lernen will, nicht nur die Idee dahinter: AimPoint im Golf: Die Putting-Methode einfach erklärt erklärt Schritt für Schritt, wie man das Ganze in der Praxis anwendet. Und wer sehen will, wie sich dieser eine Moment vor dem letzten Putt anfühlt, wenn man ihn nicht beschreibt, sondern zeigt — dafür gibt es THE FINAL PUT.

— Ralf List

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